Der echte Weg zurück

Der echte Weg zurück

Der Weg zurück – Das Projekt hat mir gefallen, als ich erstmals mit Martin Prinz darüber sprach. Es ging mir schon vorher um das Hinterfragen von Hochleistungssport mit seinen totalen Tendenzen. Martin sprach von schizophrenen Zügen im System. Den Versuch, das über ein Comeback und eine zweite Chance für Johannes Dürr zu transportieren, fand ich auch menschlich gut. Verstehen und vergeben, davon bin ich überzeugt, sind wichtig für das eigene Wohl.

An Zorn festhalten ist wie Gift trinken und glauben, dass der andere daran stirbt.
_Buddha

Unbegreiflich

Als ich von Johannes Dürrs neuerlichen Doping-Aktivitäten erfuhr, hat es mich ordentlich erwischt. Ich war ziemlich betroffen, weil ich die Irrationalität dahinter nicht begreifen konnte. Dürr hat sich ja mit seiner Aussage bei den ermittelnden Behörden selbst beschuldigt. Spätestens seit dem Zeitpunkt als er Personen des Dopingnetzwerks benannte, musste er damit rechnen, dass seine jüngsten Aktivitäten in eben diesem Netzwerk auffliegen können.

Was zum Teufel

Ich versuche gerade zu verstehen warum Johannes Dürr so gehandelt hat. Für mich genügt es nicht einfach nur Betrüger zu schreien. Ich wurde ja selbst betrogen. Mein Vertrauen wurde ausgenutzt. Es wäre jetzt ganz einfach Dummheit und/oder krimminelle Energie dafür verantwortlich zu machen. Das Böse oder um päpstlich zu Sprechen, das Übel unhinterfragt zur Verantwortung zu ziehen hilft mir nicht weiter. Ich glaube nicht an den Teufel.

Angst

Angst zu scheitern – Anstoss, Theater Arche 2019 – © P. Nitsche

Verstehen

Es müssen psychische Vorgänge sein, die im sozialen System des Hochleistungssports zu besonderen Handlungen führen. Im Theaterstück Anstoß ist mir eine Emotion aus Athletinnen-Tagen extrem hochgekommen. Die Angst vor dem Scheitern. Sie ist mir am Genick hochgekrochen, hat meine Haare gesträubt und mir Tränen in die Augen getrieben. Als sie vorbei war hatte ich die Lösung für zahlreiche Warum-Fragen.

Angst

Die Angst vor dem sportlichen Versagen fühlt sich an wie Todesangst. Es geht um den einzigen Inhalt der das eigene Leben vermeintlich ausmacht; für den man seit frühester Kindheit alles geopfert und in Kauf genommen hat. Ich weiß nicht ob Dürrs Verhalten damit in Zusammenhang steht, ich kenne ihn nicht persönlich. Es könnte vieles erklären, nicht entschuldigen.

Der echte Weg zurück

Um Entschuldigung bitten muss Johannes selbst, ebenso wie er die Konsequenzen selbst zu tragen hat. Nicht als Opfer sondern als Täter. Viel Glück für den echten Weg zurück, Johannes, in ein Leben in dem die alleinige Identifikation mit der sportlichen Biografie Geschichte ist.

2 Kommentare
  1. Isolde Mersi
    Isolde Mersi says:

    Danke für diesen Beitrag. Gestern habe ich das gesamte Interview der drei ARD-Reporter mit Johannes Dürr angeschaut. Es hat mich sehr aufgewühlt und sehr nachdenklich gemacht. Das Gefühl ANGST spricht Dürr auch an, allerdings nicht so klar wie Ihr Beitrag. Was mir besonders aufgefallen ist, sind sein vielfach zum Ausdruck gebrachtes Gefühl der SPALTUNG seiner Persönlichkeit in Mensch und Leistungssportler und die daraus entstehenden inneren Abhängigkeiten und Qualen. Spontan fiel mir dazu ein, dass sein Verhalten dem von Drogensüchtigen sehr ähnelt. Das Wort „System“ fiel sehr oft. Dürr würde ich wünschen, dass er sich endlich den psychologischen Beistand zur Verarbeitung seiner Ängste und Spaltung zur Seite holt. Die ehrgeizgetriebene „Sucht“, vorn mitmischen zu wollen und im Rampenlicht zu stehen, kann auch in andere Berufsfelder mitgenommen werden, wenn sie nicht behandelt und geheilt wird. Wir alle, Journalisten und Sportfans und aufmerksame, lernwillige Leser müssen uns allerdings auch auf den Weg machen, um zu ergründen, was hinter dem schwammigen Begriff „System“ steckt, im Sport, aber nicht nur dort. Den jedes System existiert nicht als solches, es entsteht und setzt sich zusammen aus den Leistungen und Fehlleistungen ungezählter Menschen. Und: Jedes so zustandegekommene und existierende System verrteidigt seine Existenz, wortwörtlich „mit Klauen und Zähnen“. Um es zu durchschauen und erst recht zu verändern oder abzuschaffen und durch Besseres zu ersetzen, muss man es wieder Schritt für Schritt auseinandernehmen, in seine Elemente zerlegen und für jedes einzelne eine adäquate Herangehensweise finden. Denn auch das Suchen und Finden von einem oder mehreren Sündenböcken zeigt nichts anderes, als dass die Sündenbock-Apologeten Teil krank und kriminell machender Systeme sind.

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