Warum erst jetzt?

Warum erst jetzt? Die häufigste Frage an Betroffene sexualisierter Gewalt, die sich entschlossen haben endlich zu reden.

Im November 2017 bin ich knapp 40 Jahre nach dem Ende meiner Skikarriere mit meinen persönlichen Erfahrungen sexualisierter Gewalt im Sport an die Öffentlichkeit gegangen. Seither hat sich viel getan. Betroffene aus vielen Sport- und anderen Lebensbereichen haben den Mut gefunden zu reden. Bei vielen liegen die schlimmen Erlebnisse lange zurück, ebenso wie bei mir.  Die häufigtste Frage, die allen gestellt wird: Warum erst jetzt?

Es war kein Fremder

Wenn mich auf der Prater-Hauptallee jemand Wildfremder überfallen würde, dann wäre sofort klar: Das zeige ich an.

Aber wenn es im unmittelbaren sozialen Umfeld passiert, fällt einem die Orientierung so schwer: Was tue ich jetzt? Das war ja nicht der unbekannte Fremde, der dich irgendwo von der Straße in ein Hauseck reinzieht, das war das unmittelbare soziale Umfeld, das Umfeld, in dem sich auch alle meine Freunde befanden.

Anzeige undenkbar

Das ist so, als ob es in der Familie passiert – dann ist das Ganze, noch einmal schwieriger. Mein privates Milieu, mein familiäres Milieu und das sportliche, das war im Grunde genommen alles ein einziges Gefäß. Ich war etwa 18 Jahre alt, da habe ich es gegenüber einer Freundin verbalisiert, sie war ganz betroffen. Sie kam auch aus diesem Umfeld – doch das dann auch anzuzeigen, ist uns damals beiden nicht in den Sinn gekommen. Das war aus dem Milieu und der Zeit heraus absolut keine Denkkategorie.

In den ersten Jahren waren es die Scham und die Angst, stigmatisiert zu werden und die Sportkarriere aufgeben zu müssen. In den 1970er-Jahren haben vergewaltigte Frauen vor Gericht selten recht bekommen.

Vorläufig verdrängt

Als ich meinen Mann kennenlernte, wollte und musste ihm davon sofort erzählen. Ich stellte mir ja auch die Frage: Bin ich noch liebenswert? Kann mich nach so etwas überhaupt noch jemand lieben? Und er hat so reagiert, dass uns danach 35 Jahre wunderbarer Partnerschaft möglich waren. Und dann waren bald drei kleine Kinder da, die Erlebnisse wurden in den Hintergrund gedrängt. In der jungen Familiensituation und wirtschaftlichen Aufbauphase war es undenkbar, meine Geschichte öffentlich zu machen.

Endlich abgeschlossen

In den Siebzigern, Achtzigern konnte man am Land auch nicht zu einem Psychologen gehen, ohne für verrückt gehalten zu werden. Erst etwa zwanzig Jahre später, als ich schon in Wien lebte, bin ich eigentlich wegen etwas ganz anderem zur Therapie gegangen. Da ist das dann ziemlich schnell hochgekommen. Dann lag mit einem Mal der Ursprung des Problems da, und dieser Zustand war ungeheuer erleichternd. Erst ließ ich die Wut heraus, dann war sie weg und ich mit meinem Schicksal versöhnt.

Wenn sich jemand an mich wendet und um Rat fragt, sage ich:

„Schließ es bitte zuerst für dich selber ab. Schau, dass die Wut weg ist, bevor du weitere Schritte unternimmst, geh ein, zwei Schritte zurück -such nach persönlichen Zusammenhängen und nach strukturellen Zusammenhängen. Kläre es erst mit dir selbst, bevor du dich öffentlich äußerst.“

Warum erst jetzt?

Auszüge aus meinem Buch – SKI MACHT SPIELE

Er war ein Volleyballtrainer. Es war im Mai 2017, als die Presse von einem 60-Jährigen berichtete, der wegen des Verdachts auf schweren sexuellen Missbrauch von Unmündigen, Missbrauch eines Autoritätsverhältnisses und Herstellung von Kinderpornografie festgenommen worden war. 57 mutmaßliche Opfer hatten sich gemeldet. Die Medien setzten sich nur spärlich mit dem Fall auseinander – bis das Interesse schließlich ganz versiegte.

Mein erstes Enkelkind sollte im Sommer zur Welt kommen, und ich fand, es sei höchste Zeit, etwas gegen Machtmissbrauch im Sport zu unternehmen. Von der #MeToo-Bewegung, die bereits 2006 von der Frauenrechtsaktivistin Tarana Burke in den USA gegründet worden war, wusste ich damals noch nichts. Meine Idee, anhand meiner eigenen Erlebnisse im Umfeld des Skisports ein erhöhtes Bewusstsein für eine Problematik, die so viele betrifft, zu schaffen, schien mir einen Versuch wert.

Jetzt bin ich zur Triggerin geworden – für individuelle Ängste auf allen Seiten der Betroffenheit.

Die einen fühlen ihre Geheimnisse als Opfer, Zeugen oder als Täter enttarnt. Für viele andere bin ich so was wie eine große Schwester geworden, sie vertrauen mir „ihr Geheimnis“ an – Opfer, Zeugen, und nein, bisher waren keine Täter dabei. Viele Männer – und das macht echt Mut – wollen sich neu orientieren und stellen Fragen, wie ich als Frau männliches Verhalten empfinde.

Alles war richtig – auch der Zeitpunkt

Ich habe das Richtige getan. Daran hatte ich zu keinem Zeitpunkt Zweifel. Ich habe den Schritt vom Opfer zu einer nicht leidenden Betroffenen längst vollzogen. Es wurden keine alten Wunden aufgerissen, ich habe emotional mit den Vorfällen abgeschlossen. Ich arbeite daran alles mir Mögliche gegen Machtmissbrauch im Sport zu unternehmen. Diese geradezu selbstverständlichen Übergriffe konnten und können nur in Strukturen passieren, die in sich geschlossen sind.

#WeTogether

Der Sport und gerade der Sport der Nachkriegszeit hat diese Auswüchse begünstigt. Mit seinen Idolen, mit seinen Inszenierungen, mit der Verflechtung zwischen Politik und Sport. Insbesondere der Skisport, der zur nationalen Angelegenheit erhoben wurde, könnte gerade jetzt einen Weg einschlagen, der gesellschaftspolitisch richtungsweisend ist.

#WeTogether – Wir alle gemeinsam gegen Missbrauch von Macht!

Um einen authentischen Frage/Antwort-Stil zu erzielen, wurden Textpassagen aus Interviews entnommen

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Meine ganze Geschichte – NEWS 17. Dezember 2017 mit David Pesendorfer

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